Wer organisiert die Wissenschaft? Geschlechterungleichheit durch Academic Housework

Anlässlich des International Day of Women and Girls in Science am 11. Februar blicken wir auf eine unsichtbare Form von akademischer Arbeit, die einen wichtigen Beitrag zum Funktionieren des Universitätsbetriebs leistet. Geleistet wird sie oft von Frauen, bei der Karriere hilft sie nicht: Academic Housework.

Eine weibliche Person im gelben Blazer hält einen dicken Stapel Papier in Händen. Vor ihr liegen weitere Papiere ausgebreitet

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Unbezahlbar wichtig und zugleich unbezahlt: akademische Hausarbeit

Academic Housework bezeichnet die vielfältigen administrativen und organisatorischen Aufgaben, die für das Funktionieren von Forschung und Lehre unerlässlich sind. Sie bleiben weitgehend unsichtbar und tragen daher kaum zur individuellen wissenschaftlichen Reputation bei. Dazu zählen unter anderem die Mitarbeit in Ausschüssen, das Anfertigen von Protokollen, die Betreuung von Studierenden über das übliche Maß hinaus, das Organisieren von Meetings, Koordination innerhalb von Forschungsgruppen oder Instituten sowie Gleichstellungs-, Diversitäts- und Mentoringarbeit. Während Forschung und Publikationen als prestigeträchtig gelten, werden diese essenziellen Organisationsarbeiten in Leistungsbewertungssystemen nur unzureichend berücksichtigt. 

Eine Frage der Geschlechtergerechtigkeit

Diese Tätigkeiten sind meist freiwillig, werden informell zugewiesen und häufig als selbstverständlich vorausgesetzt. Ihre ungleiche Verteilung folgt jedoch klar erkennbaren Mustern. Empirische Befunde aus unterschiedlichen Wissenschaftssystemen zeigen, dass Frauen nicht nur häufiger solche Aufgaben übernehmen, sondern auch öfter darum gebeten werden. Diese Muster lassen sich nicht auf individuelle Präferenzen oder ein höheres Maß an Altruismus bei Frauen zurückführen, sondern stehen in engem Zusammenhang mit tradierten Geschlechterstereotypen, die Sorge- und Vermittlungsarbeit weiblich konnotieren. Zusätzlich sind Frauen häufiger mit impliziten Erwartungen konfrontiert, sich an Gremienarbeit, der Betreuung des wissenschaftlichen Nachwuchses oder an gleichstellungsbezogenen Aktivitäten zu beteiligen. Diese Erwartungen werden nicht selten mit dem Argument der notwendigen Repräsentation begründet. So entsteht eine paradoxe Situation: die im akademischen MINT-Bereich ohnehin unterrepräsentierte Gruppe der Frauen ist überproportional mit zusätzlichen Aufgaben belastet.

Die Folgen: Karrierehindernisse und Ausstieg aus der Wissenschaft

Die ungleiche Verteilung von Academic Housework hat weitreichende Auswirkungen: Frauen verbringen mehr Zeit mit organisatorischen Aufgaben und weniger mit ihrer Forschung. Dies wirkt sich unmittelbar auf Publikationsleistungen, Forschungsgelder und letztendlich auf ihre Karrierechancen aus. Der in der Wissenschaft verbreitete Leistungsdiskurs legt nahe, dass akademischer Erfolg primär auf individueller Qualifikation und Produktivität beruht. Doch wenn strukturelle Rahmenbedingungen dazu führen, dass Wissenschaftlerinnen systematisch weniger Zeit für karrierewirksame Forschung haben, werden bestehende Ungleichheiten nur verstärkt. Hinzu kommt die Mehrfachbelastung. Die zusätzliche Arbeit erhöht das Risiko von Erschöpfung und führt nicht selten zum Ausstieg von Frauen aus der Wissenschaft. Damit ist die ungleiche Verteilung von Academic Housework nicht nur eine Frage individueller Arbeitsbelastung, sondern auch ein strukturelles Problem, das Chancengerechtigkeit und nachhaltige Personalentwicklung an Universitäten gefährdet.

Wege zu mehr Gerechtigkeit

Academic Housework trägt zu einem kollektiven Nutzen für das akademische Leben bei, für den alle Mitarbeitenden Verantwortung übernehmen sollten. Um die bestehende Ungleichheit zu verändern, sollte Academic Housework in Evaluierungen und Berufungsverfahren Sichtbarkeit bekommen und als relevanter Bestandteil akademischer Arbeit anerkennen und ihnen jenen Stellenwert verleihen, den sie verdient.

Die TU Wien hat in den vergangenen Jahren bereits wichtige Schritte gesetzt, um Gleichstellung systematisch zu verankern: Einrichtungen wie das Gender Equality Office, klare Gleichstellungsziele in Leistungsvereinbarungen, der Frauenförderungsplan sowie strukturierte Karrierewege wie das Tenure-Track-Modell helfen dabei, die Verteilung von Academic Housework sichtbar zu machen und wirksam zu adressieren.

Doch es braucht noch mehr: Eine bewusste Aufteilung dieser Aufgaben, eine faire Anerkennung ihrer Bedeutung und eine Kultur, in der alle – unabhängig von ihrem Geschlecht – Verantwortung übernehmen.

Quellen:

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Järvinen, M., & Mik-Meyer, N. (2025). Giving and Receiving: Gendered Service Work in Academia. Current Sociology, 73 (3), 302-320.
Kalm, S. (2019). On academic housekeeping and its allocation. Sociologisk Forskning, 56, 5-26.
Kvalsvik, G. (2024). Women end up doing the academic housework. Kifinfo, Abgerufen von: https://kifinfo.no/en/2024/03/women-end-doing-academic-housework, öffnet eine externe URL in einem neuen Fenster

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